Industrie-Verfall in Leipzig

Industrie-Verfall in Leipzig

VON SOPHIA-CAROLINE KOSEL
eine Statue von 1910 – noch immer die Weltkugel, aber hinter dem dicken Gemäuer des Werksgebäudes geht es drunter und drüber.
LEIPZIG/DPA.
Draußen schleppt Atlas – eine Statue von 1910 – noch immer die Weltkugel, aber hinter dem dicken Gemäuer des Werksgebäudes geht es drunter und drüber.

Karipol Globuswerke - Industrie-Verfall

Industrie-Verfall

Industrie-Verfall im Globuswerk Karipol Leipzig

Dutzende kleiner Fläschchen stehen unbeachtet auf verrottenden Tischen, die Tapete hängt in Fetzen von der Wand herab und der Fußboden gleicht einer Müllhalde. Der Volkseigene Betrieb (VEB) Globus Werke in Leipzig sollte einst mit Scheuerkreide den Weltmarkt erobern. In den letzten DDR-Jahren wurden in dem Werk Autopflegemittel hergestellt, mit dem Fall der Mauer kam das Aus für den Betrieb. Seit rund zwei Jahrzehnten verharrt der zurückgelassene Ort im Dornröschenschlaf. Nun wird er als eine von 19 Industriebauten in Leipzig im Bildband «Lost Places Leipzig – Verborgene Welten» aus der Vergessenheit geholt.

Der 1971 in Halle geborene und noch immer dort lebende Fotograf Marc Mielzarjewicz hat sich auf solche Ruinenwelten in schwarz-weiß spezialisiert. Den Verfall von Architektur in seiner Heimatstadt hat er schon dokumentiert; in «Lost Places – Schönheit des Verfalls» (2008). Nun ist er mit seiner Kamera in Leipzig auf Spurensuche gegangen. Die sächsische Kommune war bis vor 20 Jahren eine bedeutende Industriestadt, aber davon ist so gut wie nichts mehr übrig. Tausende Leipziger verloren mit dem Ende des Sozialismus und der Volkseigenen Betriebe ihren Job – und einprägsame Bauten sind seither dem Verfall preisgegeben.

Vom Bier über Drahtseilbahnen bis zu Seife: Das Inhaltsverzeichnis zeigt, wie groß das Spektrum der Produkte war, die einst aus Leipzig kamen. An der Pleiße ansässig waren etwa die Sternburg-Brauerei, die Drahtseilbahnfabrik Adolf Bleichert & Co., der VEB Gummiwarenfabrik Elguwa, die Deutsche Kugellagerfabrik, der VEB Interdruck, die Maschinenfabrik Philipp Swiderski, die Möbelfabrik Wagner & Zinkeisen, die Omega Werke und die Seifenfabrik Ozean.

In kurzen Texten beschreibt der Architekturhistoriker Stefan W. Krieg kurz die jeweilige Unternehmensgeschichte. Die Sternburg-Brauerei etwa produzierte als erste Brauerei im Leipziger Raum nach bayrischer Brauart. Am immer noch eindrucksvollem Gebäude steht die Uhr auf halb Eins, innen sieht es sehr aufgeräumt aus, aber die Fensterscheiben sind zerstört. Zersplittertes Glas, abblätternde Farbe, aufgezogene Schubladen, Graffiti – das sind die Spuren der Zeit, die alle bei natürlichem Licht aufgenommenen «Lost Places» gemeinsam haben.

Einige Arbeitsplatz-Details wirken, als Ausschnitt vor die Linse genommen, wie Skulpturen oder Installationen; etwa die Hebel der Kompressorenanlage der Möbelfabrik Wagner & Zinkeisen, die von Drähten umrahmte einbeinige Puppe in den Omega-Werken oder die Sicherungen der Metallwarenfabrik J. Arthur Dietzold. Unglaublich ist, dass die Ornament-Gardine und das Aktfoto in der Deutschen Kugellagerfabrik und das Klodeckel-Polster in der Maschinenfabrik Philipp Swiderski zwei Jahrzehnte nahezu unbeschadet überdauert haben.

Marc Mielzarjewicz

Lost Places Leipzig – Verborgene Welten

Mitteldeutscher Verlag, Halle

160 Seiten, 22 Euro

ISBN-978-3-89812-651-9

Quelle

Industrie-Verfall Leipzig

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